Civita, das arbëreshe-Dorf über der Raganello-Schlucht
Im Herzen des Pollino ist Civita ein Dorf albanischen Ursprungs, in dem die Häuser Augen haben und der Dialekt nach Balkan duftet. Ein zeitentrückter Ort, mit Blick auf eine der spektakulärsten Schluchten Italiens.
Foto: Luca Galli from Torino, Italy (CC BY 4.0) — Wikimedia Commons
Es gibt in Italien Orte, an denen die Zeit nicht aus Nachlässigkeit stillzustehen scheint, sondern aus bewusster Wahl. Civita ist einer davon. Auf einem Felssporn über den Gole del Raganello im Nationalpark Pollino thronend, hütet dieses winzige Dorf mit etwa achthundert Seelen eines der faszinierendsten kulturellen Erbes Süditaliens: das arbëreshe, jenes der albanischen Gemeinschaften, die ab dem 15. Jahrhundert vor dem osmanischen Vormarsch fliehend Zuflucht in Kalabrien fanden.
Um Civita zu erreichen, folgt man der SS105 von der Abzweigung bei Castrovillari oder steigt von der ionischen Küste über Trebisacce und Francavilla Marittima auf. In beiden Fällen ist die Ankunft ein Schlag ans Herz: Das Dorf taucht plötzlich auf, an den Fels geklammert, mit seinen Steinhäusern, die organisch aus dem Boden zu wachsen scheinen. Und gerade in den Häusern verbirgt sich der erste Zauber. Viele Wohnhäuser weisen Öffnungen auf, die so angeordnet sind, dass sie ein menschliches Gesicht bilden: zwei Fenster als Augen, eine Tür als Mund. Es sind die berühmten „case kodra", benannt nach dem albanischen Maler Ibrahim Kodra, der sie als Erster bemerkte und berühmt machte. Beim Bummel durch die engen, stillen Gassen sucht man nach diesen steinernen Blicken und entdeckt am Ende, dass fast jede Fassade einen anderen Ausdruck trägt, als ob das Dorf selbst seine Besucher beobachten würde.
Die Chiesa di Santa Maria Assunta im Herzen des Ortes zelebriert den byzantinischen Ritus nach griechisch-albanischer Tradition. Wer das Glück hat, einer Liturgie beizuwohnen, hört Gesänge in altertümlichem Albanisch, die zwischen den Kirchenschiffen mit einer bewegenden Intensität widerhallen. Neben der Kirche sammelt das kleine Museo Etnico Arbëreshë Trachten, Alltagsgegenstände und Dokumente, die die Geschichte der albanischen Diaspora in Kalabrien erzählen. Jede Minute des Besuchs lohnt sich, zumal die Dame, die es führt, mit ansteckender Leidenschaft Anekdoten erzählt.
Doch das wahre Schauspiel Civitas ist das der Natur. Der Ponte del Diavolo, ein natürlicher Steinbogen, der den Raganello-Bach in Dutzenden Metern Höhe überspannt, ist zu Fuß in etwa vierzig Minuten vom Dorf aus erreichbar. Der Pfad startet am Hauptplatz, führt gut ausgeschildert hinab und bietet schwindelerregende Ausblicke auf die darunterliegenden Schluchten. Die Kalkwände verengen sich zu einem nur wenige Meter breiten Korridor, in dem das smaragdgrüne Wasser mit einem tosenden Rauschen fließt. Für Ausgerüstete in Begleitung zertifizierter Guides ist das Trekking in den Gole del Raganello ein unvergessliches Erlebnis: Canyoning, Seilüberquerungen, Wasserfälle und natürliche Becken in einer Umgebung, die eher an Jordanien als an Süditalien erinnert. Die Touren beginnen am Fuß der Schluchten, in der Ortschaft Civita Ponte, und dauern drei bis sechs Stunden. Unbedingt vertraut man sich zertifizierten Guides des Pollino-Parks an, die in den Besucherzentren leicht zu finden sind.
Am Tisch bereitet Civita Überraschungen. Die arbëreshe-Küche vermischt kalabrische und balkanische Traditionen zu einzigartigen Ergebnissen. Das Symbolgericht ist die „dromësa", eine Art grobe Hartweizenpolenta mit Peperone-crusco-Sauce und Wurst. Zu probieren sind auch die „shtridhlat", handgemachte Bandnudeln mit Ziegenragù, und die Süßigkeiten aus Honig und Mandeln, die man bei den Patronatsfesten findet. Die Locanda di Civita am Platz bietet ein saisonal wechselndes Menü und ein Panorama, das für sich allein die Reise wert ist. Für etwas Rustikaleres suchen Sie die Trattoria Kamastra an der Hauptstraße, wo die Gerichte reichhaltig und die Preise noch aus einer anderen Zeit stammen.
Zum Übernachten bietet der Ort einige restaurierte Häuser, in charmante B&Bs umgewandelt. Das Antica Civita, eingerichtet in einem Herrenhaus des 18. Jahrhunderts mit Steingewölben und Antiquitäten, ist wohl die stimmungsvollste Wahl. Häufig speist man gemeinsam, Gäste und Gastgeber, und das Frühstück umfasst hausgemachte Marmeladen aus Bergamotte und Feigen.
Civita ist auch idealer Ausgangspunkt, um die kalabrische Seite des Pollino zu erkunden: Die Pino Loricato, Symbol des Parks, erreicht man auf Wanderungen, die von Serra delle Ciavole oder der Piana del Pollino ausgehen. Und nur wenige Kilometer entfernt bieten Frascineto und San Basile weitere Zeugnisse der arbëreshe-Kultur, mit byzantinischen Kirchen und Festen, die die albanischen Ursprünge in Trachten und traditionellen Tänzen wachrufen.
Civita ist kein Ort, den man im Vorbeigehen besucht. Es verlangt Langsamkeit, Neugier und die Bereitschaft, sich von einem Kalabrien überraschen zu lassen, das man nicht erwartet: gebildet, multikulturell, wild und ganz zart zugleich.
Praktische Informationen
Qual è il periodo migliore per visitare Civita?
Il periodo consigliato è April, Mai, Juni, September e Oktober, quando è meno affollata.
Civita è affollata?
Civita è una meta quasi deserta rispetto alle destinazioni più turistiche.
Dove si trova Civita?
Civita si trova in Kalabrien, Italien.